Luftbildarchäologie: Der Chinese mit Lufthoheit

Archäologen wühlen immer in Sand und graben nach Scherben oder Knochen? Falsch - sie gehen auch in die Luft. So wie Luftbildarchäologe Baoquan Song, der mit einem kleinen Flugzeug große Geheimnisse lüftet.

Von Fritz Habekuß

Vor dem Start, Foto: Habekuß/ DAADEine Karte braucht Baoquan Song nicht mehr für die Orientierung im Ruhrgebiet, denn er kennt sich dort bestens aus. Eigentlich ist das nicht ganz korrekt, denn Song kennt sich vor allem über dem Ruhrgebiet aus. Und das aus gutem Grund: Er ist Luftbildarchäologe, einer der wenigen in Deutschland.

Gerade ist er auf dem Weg zum Flugplatz. Eine halbe Stunde fährt er von seinem Büro im Archäologischen Institut der Ruhr-Uni Bochum zu seinem zweiten Arbeitsplatz, dem Cockpit eines kleinen Sportflugzeugs. Im Gepäck hat er eine schwere Kamera, denn Boaquan Song wird gleich Pilot, Navigator, Archäologe und Fotograf sein - gleichzeitig.

Fotos aus 600 Metern Höhe

Bevor es soweit ist, lässt der chinesische Wissenschaftler das Flugzeug noch einmal neu betanken und macht einen kurzen Check. Dann kann die Reise beginnen. Langsam rollt er auf die Startbahn, über die Kopfhörer bekommt er das Okay zum Abflug. Sanft hebt die Maschine ab und macht sich auf den Weg über das Ruhrgebiet.

Bei der Luftbildarchäologie machen sich die Wissenschaftler zunutze, dass der Mensch geologische Verhältnisse durcheinander gebracht hat, die vor langer Zeit entstanden sind. Diese Unordnung lässt sich heute immer noch gut beobachten. Ein Beispiel sind die sogenannten „Bewuchsmerkmale" - hier wächst etwa Getreide an den Stellen besser, an denen früher einmal ein Graben gewesen ist. Diese Veränderungen bemerkt der Forscher aber nur, wenn man genügend Abstand hat - vom Boden aus gesehen, sind sie wegen des beschränkten Blickfeldes kaum erkennbar.

Luftbilder, Foto: Habekuß/ DAADBaoquan Song hat diesen Abstand. Nach ein paar Minuten dreht Song seine erste Runde. Nach knapp 200 Kilometern lässt er sein Flugzeug, eine Cessna F 172 M, im Autopiloten Kreise um ein Feld fliegen, auf dem vor 1000 Jahren einmal eine Burg gestanden haben soll. Song öffnet das Fenster, ein kalter Windstoß zerzaust das Haar, während er mit der Kamera den Boden absucht und abdrückt.

Von Zeit zu Zeit nimmt Song auch Archäologiestudierende mit in die Luft. Sie können bei ihm Seminare belegen und dort etwas über Prospektionsmethoden lernen. Längst hat sich die Luftbildarchäologie zu einem Trend gemausert. Viele neue Entdeckungen gehen auf ihr Konto. Für angehende Archäologen gehört sie mittlerweile zum Handwerkszeug. „Die Studierenden können die Bilder viel besser selbst beurteilen, wenn sie selbst einmal mitgeflogen sind", sagt Song.

In der Nähe der Stadt Dorsten zeigt er auf drei konzentrische Kreise, die sich auf dem grün-grau eines Feldes abheben. Sie zeigen an, wo vor langer Zeit Graben und Wall vor Überfallen und ungebetenen Gästen geschützt haben.

Vom Boden kaum erkennbar

Für ihn ist das Fliegen nichts Besonderes mehr - aber er gibt auch zu, dass „alleine meine Tätigkeit schon eine Erfüllung eines Traums ist." Allerdings nicht sein größter, denn der wartet in seinem Heimatland auf ihn. In China hat Song zwar schon ein Zentrum für Luftbildarchäologie mit aufgebaut, ist dann aber wieder nach Deutschland gegangen. „China ist noch nicht so weit", erklärt er. Trotzdem hofft er darauf, eines Tages auch neue Fundstellen in China zu entdecken.

Song tankt das Flugzeug, Foto: Habekuß/ DAADSong tankt das Flugzeug, Foto: Habekuß/ DAAD
Bei der Entdeckung helfen aber nicht nur Pflanzen, die Veränderungen anzeigen. Auch Schnee, die Bodenfarbe oder ein Schatten kann dem geübten Auge von Baoquan Song ein Geheimnis verraten. Die bleiben an diesem Tag allerdings aus. „Es ist unmöglich zu sagen, wann man etwas Neues findet", sagt Song. Heute fliegt er bekannte Fundstätten ab, fotografiert hier und da und hält die Augen offen. „Man weiß nie, was man findet", sagt er. Bei seiner Tour über das Ruhrgebiet fliegt er vom Münsterland bis an den Niederrhein, von Oberhausen nach Dortmund - auf dem Boden bräuchte man für diese Strecke mindestens einen Tag, mit dem Flugzeug nur Stunden. Von oben zeigt die große Metropolregion mit ihrer schwerindustriellen Vergangenheit ein viel grüneres Bild als man vom Boden aus vermuten würde.

Dann ist es Zeit für den Landeanflug, Song meldet sich von der Radarüberwachung ab und setzt seine Cessna mit einem kleinen Ruck auf dem Flugplatz auf. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein - das Ruhrgebiet ist noch voller Geheimnisse.

Ungewöhnliche Studiengänge


Teil 1:
Brauerei- und Getränketechnologie (Video)
Teil 2: Bionics
Teil 3: Weinbau und Oenologie (Video)
Teil 4: Luftbildarchäologie


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