Jena - Was kostet das Paradies?

Niedrige Arbeitslosigkeit, steigende Geburtenrate und Tausende junge Menschen. Die von Bergen umrahmte Stadt im Osten Thüringens weigert sich mit Erfolg, in das Bild eines tristen und entvölkerten Ostens zu passen. Kaum eine Stadt der neuen Bundesländer ist nach der Wende so aufgeblüht wie Jena. Lediglich die zeitraubende Wohnungssuche erinnert noch an Jenas sozialistische Vergangenheit.

von Fabian Köhler



Jena auf einen Blick

 

Jena, Foto: Köhler/DAAD
Jena, Foto: Köhler/DAAD
Grau, hässlich und öde. Kennt man die Stadt nur von der Fahrt auf der Autobahn, mag man denken, Jena bestünde nur aus Plattenbauten. Es ist Lobeda, was du dort siehst, der größte Stadtteil Jenas. Doch schon wenige hundert Meter weiter südlich wandelt sich das Bild vollends. Auf allen Seiten von Bergen umrahmt und vom Fluss Saale durchzogen, liegt die 100.000 Einwohner Stadt malerisch zwischen Sandstein- und Muschelkalkhängen.
Doch noch viel mehr als die Landschaft prägen die beiden Universitäten das Stadtbild. Jeder dritte Einwohner arbeitet oder studiert an der Fachhochschule oder der Friedrich-Schiller-Universität, deren Fakultäten sich über die ganze Stadt ausdehnen. Dieses Potenzial an jungen und gut ausgebildeten Menschen schlägt sich auch in der Wirtschaft nieder. Unternehmen wie Carl Zeiss, Jenoptik oder die Schott Werke gehören nicht nur zu den größten Arbeitgebern der Region, sondern auch zu den Marktführern auf ihren Gebieten.
Doch einmalig wird Jena vor allem durch seine junge studentische Atmosphäre. Ob Arbeit, Freizeit oder Kultur - alles scheint in Jena auf die größte Bevölkerungsgruppe ausgerichtet zu sein. Kaum eine Straßenecke, an der du nicht ein Grüppchen Studenten plaudern siehst, kaum eine Wiese, die im Sommer nicht von Kommilitonen bevölkert wird.
Apropos Wiese: Grün gibt’s in Jena auch jede Menge. Der botanische Garten ist nicht nur der zweitälteste Deutschlands, sondern der Eintritt ist auch noch kostenlos. Die Saale-Ufer laden zum Baden ein und der Paradiespark hält vor allem im Sommer, was sein Name verspricht.
Und der Haken an der Sache? Den gibt es leider tatsächlich: Die höchsten Mietpreise der Region. Weniger als ein Prozent aller Wohnungen stehen leer, wodurch die Suche sehr schwierig wird. Aber wenn du erstmal ein Zimmer hast, bekommst du weit mehr als einen Platz zum Studieren.



Hochschulen im Überblick

 

Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU)

Unicampus in der Altstadt bei Nacht, Foto: Stadt Jena/Presse
Unicampus in der Altstadt bei Nacht, Foto: Stadt Jena/Presse
An der 1547 gegründeten Hochschule, die neben ihren Namensgeber auch Philosophen wie Schelling, Hegel oder Fichte beherbergte, lässt sich so ziemlich alles studieren. Neben den Klassikern wie Physik, BWL oder Soziologie finden sich darunter auch Orchideenfächer wie Angewandte Ethik oder Humangeographie.
Die FSU bietet aber noch viel mehr als ein reines Lehr- und Forschungsangebot. Ihre Einrichtungen, wie das Universitätshauptgebäude, die Sternwarte, der botanische Garten, die knapp vier Millionen Medien umfassende Bibliothek oder die vielen Gebäude des Universitätsklinikums prägen das Bild der Stadt. Das Sportangebot der FSU gehört zu den umfangreichsten in Deutschland. 300 Kurse und 70 Sportarten von Aikido bis Zumba Dance werden angeboten.
Wenn du Lust hast dich über dein Studium hinaus zu engagieren, versuche es doch in einer der über 100 Hochschulgruppen. Vom Meditieren der Bahai, Menschenrechten verteidigen mit Amnesty oder Singen im Studentenchor gibt es unzählige Möglichkeiten des studentischen Engagements.

Fachhochschule Jena
Dass sie an der kleinen Schwester der übermächtigen FSU studieren, hören Studierende der Fachhochschule nicht gerne. Zwar ist die „University of Applied Sciences“ mit kaum 5.000 Studierenden tatsächlich wesentlich kleiner als die FSU, doch gelten Lehre und Ausstattung aufgrund der Nähe zur regionalen Wirtschaft als wesentlich moderner und studentenfreundlicher. Neben 21 Bachelor und 15 Masterstudiengänge von Photovoltaik bis Soziale Arbeit findest du am so genannten „Beutenbergcampus“ auch die beiden Jenaer Studentenmedien CampusTV und CampusRadio.



Freizeit in Jena

 

Innenstadt Jena, Foto: Stadt Jena/Presse
Innenstadt Jena, Foto: Stadt Jena/Presse
Die typische studentische Abendgestaltung beginnt oft schon am späten Nachmittag in einer der unzähligen Kneipen in der Wagnergasse oder den größtenteils etwas bürgerlicheren Cafés am historischen Markt. Kneipen und Cafés wie das kinderfreundliche „Grünowski“ oder das Fiddlers Green bieten regelmäßige Livemusik, während der Raucherclub „Das Fass“ vor allem durch seine günstigen Preise und seinen mehr als kontaktfreudigen kosovarischen Besitzer punktet. Wer es etwa gediegener liebt, fühlt sich im „Markt 11“ zu Hause und kann nebenbei noch Kaffee- und Schokoladensorten aus aller Welt probieren. Weinliebhaber finden im „Café Zentral“ eine riesige Auswahl inklusive eines wunderschönen Blickes auf den Markt.
Zu späterer Stunde ist das „Kassablanca“ eines der beliebtesten Anlaufpunkte. Wer sich nicht von den knarrenden Metalltreppen und der heruntergekommenen Außenfassade abschrecken lässt, der findet hier regelmäßige Konzerte, kulturelle Angebote und den besten Tanzboden der Stadt. Eine Nummer kleiner, aber nicht weniger beliebt, bietet das „Café Wagner“ von Lyrikabenden bis zu Death Metal und Goa-Partys etwas für fast jede studentische Subkultur. Falls du lieber Popmusik magst, gehst du am besten ins „F-Haus“ oder den etwas abgelegen „Fifth Club“.
Alte Burgauer Brücke mit Blick auf die Kernberge, Foto: Stadt Jena/Presse
Alte Burgauer Brücke mit Blick auf die Kernberge, Foto: Stadt Jena/Presse
Besonders im Frühjahr und Sommer ist Jena vollgepackt mit kulturellen und musikalischen Veranstaltungen. Das Highlight ist für viele ist die mehrere Wochen andauernde Kulturarena auf dem Theatervorplatz, die mehr oder weniger bekannte Künstler aus aller Welt nach Jena holt. Aber vor allem studentische Projekte wir die am Ufer der Saale stattfindenden „Hörpieltage“, die größtenteils mit elektronischer Musik unterlegten „Sofatage“ auf dem Abbe-Campus, das Kurzfilmfestival „cellu l'art“ und das von Fußballfans organisierten „Flutlicht Festival“ gegen Rassismus prägen die Kulturszene der Stadt.
Wenn du deine Freizeit lieber etwas leiser verbringst, seien dir z.B. das Planetarium oder das Optische Museum empfohlen.  Wandern kannst du durch die Kernberge, die Jena umgeben. Den 100 Kilometer langen Wanderweg „Horizontale“ musst du ja nicht gleich an einem Tag bezwingen. Falls du lieber kürzer, dafür aber schneller unterwegs bist, ist der Paradiespark wie gemacht für dich. Die dortige Joggingstrecke ist sogar nachts beleuchtet. Badefreunde kommen im „Schleicher" , im „Ostbad“ oder im Freizeitbad „Galaxsea“ auf ihre Kosten und wer einfach nur auf der Suche nach einem schönen Ausblick ist, findet den besten am Aussichtspunkt „Landgrafen“



Interview mit Magali aus Frankreich

 

Die 23-jährige Französin Magali verließ vor zwei Jahren ihre Heimatstadt Le Havre um in Jena Interkulturelle Wirtschaftskommunikation (IWK) zu studieren. Warum sie die Normandie gegen das Saaletal getauscht hat, erzählte sie im Interview.

Magali, Foto: Köhler/DAAD
Magali, Foto: Köhler/DAAD
Wie kamst du auf die Idee, in Jena zu studieren?
Zu meiner Schulzeit hatten wir ein Austauschprogramm mit einem Jenaer Gymnasium. Damals war ich zwei Wochen hier und wollte seitdem immer mal wieder zurück. Nach der Schule wollte ich dann Interkulturelle Kommunikation studieren. Da es einen IWK-Fachbereich an der FSU gibt und dieser sogar einen sehr guten Ruf hier hat, hat alles perfekt gepasst.

Erinnerst du dich noch an deinen ersten Eindruck von der Stadt?
Ehrlich gesagt nein. Aber einen bleibenden Eindruck haben die Berge auf mich gemacht. Ich hätte gar nicht gedacht, dass es in dieser Gegend Berge gibt. Bei mir zuhause ist alles flach, deshalb freue ich mich über jeden Hügel.

Gefällt dir das Studentenleben in Jena?
Ja, vor allem weil es hier umgerechnet auf die Einwohnerzahl sehr viele Studenten gibt. Durch die vielen Studenten ist auch das Nachtleben sehr vielfältig. Vor allem mag ich die gemütlichen Eckkneipen in der Wagnergasse. Einmal haben wir eine Gruppe Spanier getroffen. Einer von ihnen fing an totale geile Sachen aus Luftballons zu machen und hat die dann verschenkt. Ein anderes Mal machte uns ein Kellner kostenlose Cocktails und wir sollten herausfinden, welcher es ist. Solche Erlebnisse mag ich an Jena.

Gibt es auch negative Seiten für dich?
Definitiv die Wohnsituation! Es gibt zu wenige Wohnungen und die Wohnungen sind zu teuer. Es ist schwer, etwas Preisgünstiges zu finden. Ich hatte zwar Glück, ich konnte bei einer Freundin einziehen. Andere Studenten ziehen aber sogar in andere Städte und fahren jeden Tag mit dem Zug zu Uni. Das ist schon krass.

Verrätst du uns noch deinen Lieblingsort in Jena?
(Lacht) Die Thulb (Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, Anm. d. Red.), wirklich! Da bin ich sehr gerne. Ich finde es einfach schön dort, nicht nur zum lernen.



Nützliche Links

 

Studentenwerk Thüringen
Jenaer Veranstaltungskalender
Private Website mit Fotos von Jena
Bilder und Trailer zum Film „Jena Paradies“

Städteporträts von Aachen bis Zwickau

Bauernhaus, Foto: Hagenguth/DAADWas ist das Besondere an Wismar? Wo liegt eigentlich Nordhausen? Und was kannst du in Siegen erleben? Wir verraten es dir in unseren Städteporträts.