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Meine meist gehass… geliebte Sprache!

24/09/2015 - 12:00-1 Comment by | czech_republic flag

“Ich beherrsche die deutsche Sprache,aber sie gehorcht nicht immer” (Alfred Polgar)

Es ist nie leicht eine fremde Sprache zu lernen. Manchmal gelingt es aber einigen leichter und einfacher als den anderen. Woran könnte das liegen? Eine große Rolle spielt die Muttersprache. Ich hatte Glück in dem Fall. Meine Muttersprache ist Tschetschenisch (gehört zu persischer Sprachfamilie) und meine zweite Muttersprache ist Russisch (gehört zu slawischen Sprachen). Russisch hat 33 Buchstaben, Tschetschenisch hat 49 Buchstaben. Das heißt, dass alle Laute, die im Deutsch sind, konnte ich ohne Probleme aussprechen. Fast alle, um ehrlich zu sein. Dieses „ch“ in Wörtern wie „ich“, „mich“, „sich“  verraten mich immer.

Aber das Aussprechen macht ja nicht die ganze Sprache aus. Ich möchte jetzt nicht auf alle Schwierigkeiten und Einzelheiten eingehen, aber seien wir ehrlich – wer war so böse, um solche Grammatik auszudenken? Ich dachte immer, dass es im Russischen zu viele Regeln und doppelt so viele Ausnahmen aus diesen Regeln gibt, aber damals kannte ich die deutsche Sprache nicht.

Na ja, das sind alle Lernprobleme. Ich wollte eigentlich über das Sprachgefühl reden. Wir haben uns gerade gestern mit ausländischen Freunden unterhalten, dass wir dieses Gefühl der Sprachbeherrschung nicht haben. Wir trauen uns nicht immer etwas auf Deutsch zu sagen, wenn es eine winzige Möglichkeit gibt abzuwarten oder überhaupt schweigen. Ich sitze immer in der Mensa neben meinen Kommilitonen und höre ihnen zu. Ich verstehe alles, was sie sagen, sogar die Scherzen, obwohl, muss ich sagen, die Deutschen haben einen sehr spezifischen Humor. Spezifischer als die Briten! Wer hätte das gedacht, dass es überhaupt möglich ist. Also, zurück zu Mensa. Ich mag ihre Konversationen, bin auch immer dabei, aber ich rede fast nie. Das ist sehr komisch, weil in russischsprachigen Gesprächen bin ich die geschwätzigste Person. Ich meine, ich bin nicht scheu, im Gegenteil, aber was läuft bei mir schief am deutschsprachigen Tisch? Ob ich fürchte, dass ich grammatische Fehler machen werde oder dass ich die Sprache nicht genug gut kann? Was sind eigentlich die Merkmale für Beherrschung einer Sprache? Ist das ein C1-Zeugnis mit Stufe 3 (höchste Stufe), den du mit 96% bekommen hast? Ist das Studieren in einer deutschen Hochschule, wo du Vorträge vor Professoren und Kommilitonen halten muss, mit ihnen Gespräche führst, was an sich als ein normales soziales Leben anfühlt? Oder ist es die Tatsache, dass deine Wörter, wenn sie endlich mal aus deinem Mund raus kommen, was leider nicht so oft der Fall ist, von allen verstanden werden, weil deine Aussprache auf einem guten Niveau ist. Sogar auf sehr gutem, wenn man allen Komplimenten wegen der Aussprache glauben würde. Du hast das alles, du kannst sehr gut Deutsch sprechen, aber warum machst du das auch nicht?

Wie kann man dieses Gefühl der Unsicherheit loswerden? Diejenigen, die mich verstehen, wissen sicher, wie sehr das stört. Es kommt etwas in deinen Kopf, was du gern mit anderen teilen würdest, aber die Chancen etwas falsch zu sagen, einen falschen Artikel verwenden, das zweite Verb nicht am Ende des Satzes, sondern gleich nach dem ersten Verb einsetzen, statt «das Ding» «das Zeug» zu sagen, immer wieder statt «du» zu deinem Kommilitone «Sie» zu sagen, diese Chancen sind so fürchterlich groß, dass du lieber diesen Gedanken zurück in die Tiefe des Gehirns bringst und am weiteren Wettbewerb des Schweigens gewinnst.

Vielleicht liegt es daran, dass wir diese Umgangssprache nicht beherrschen. Wir wissen alle, wie «dämlich» diejenige aussehen, die z. B. im Netz mit allen Endungen und Präpositionen schreiben und alle Zeichen an richtigen Stellen einsetzen. Hätten wir die deutsche Sprache nicht an einer Sprachschule mit allen grammatischen Regeln gelernt, sondern auf den Straßen durch einfaches Reden mit Freunden und Mitschülern, würden wir mehr Mut haben. Kann sein, sicher bin ich aber nicht.

Ich weiß, dass ich diese Sprache gut kann, aber… (immer dieses aber) gut im Unterschied zu anderen Nichtmuttersprachlern, nicht zu Deutschen. Ja klar, niemand erwartet das von mir, von dir, von uns, meine lieben Ausländer, aber ich schon. Ich erwarte es, dass derjenige, der reden anfängt, auch keine Fehler dabei macht. Obwohl muss man sagen, Samu Haber (Vokal «Sunrise Avenue») bei der TV-Sendung «Voice of Germany» hat fast keinen ganzen richtigen Satz auf Deutsch ausgesprochen, trotzdem sitzt er in einer Studie und nimmt teil in einer Sendung mit über mehrere Tausenden Zuschauern. Und sieht dabei sogar sehr charmant aus. Respekt, Samu Haber!

So geht es aber nicht allen. Ein Freund von mir, als wir noch im A1 in der Sprachschule waren und nur noch bei Bestellung oder beim Schoppen die ganzen Sätze auszusprechen anfingen, hat alle seinen Nachbarn kennen gelernt und sich schon mit einem Mädchen getroffen. Ich war so beeindruckt von ihm, dass ich sogar um einen Rat gebeten habe. Seine Antwort war, dass er über nichts nachdenkt und einfach spricht. Er meinte, dass wir lieber gleich jedes Wort sagen und danach einen Satz bilden, nicht im Kopf. Wenn man anfängt zuerst im Kopf den ganzen Satz zusammenzustellen, richtige Artikeln zu richtigen Wörtern einzusetzen, dann den Satz umstrukturieren und den Verb vom zweiten Platz nach Ende verschieben und so weiter und so fort, wird man nie was aus seinem Mund auskommend hören. Nicht nachdenken, sagen! Dem Rat habe ich aber nicht gefolgt und sitze deshalb jetzt hier und schreibe etwas über dieses Thema.

Ich hoffe sehr, dass nach 5-jährigen Befinden im deutschsprachigen Raum ich endlich mal sage: «Na jaa, ich spreche jetzt lieber auf Deutsch, als auf Russisch, das fällt mir leichter».

Tags: German Blog Post, German Language, Student Life

Comments

1 Comment

    Содержание интересное, но перевод на русский язык ужасен и теряется основной смысл текста, по крайней мере для нас, русскоговорящих

    Comment by Маншура created 19/10/2015 - 09:42

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