Wohnen wie die Engel
Es ist Kulturdenkmal und Biergarten, Restaurant und historische Stätte, akademisches Zentrum und Partyclub. In Erfurts Altstadt liegt ein Wohnheim, welches so winzig wie elitär seinen Bewohnern so ziemlich alles bietet – außer Ruhe.
von Fabian Köhler
Ronny trinkt seinen Morgenkaffee, Bild: Fabian Köhler
Schon der Weg zu Ronnys Zimmer ist etwas anders als der zum üblichen Studentenwohnheim. Mitten in der Erfurter Altstadt versteckt sich zwischen Kirche und Fotoatelier kaum sichtbar eine kleine Seitengasse. So eng, dass sie Eltern mit Kinderwagen verzweifeln lässt, zwängt sie sich zwischen den hohen Mauern entlang und mündet auf eine holprige Backsteinstraße, die nach wenigen Metern zu einem mit Efeu bewachsenen Torbogen führt.
Über 900 Jahre studentische Tradition
Hinter diesem Torbogen erhebt sich das Studentenwohnheim Allerheiligenstraße, auch bekannt als Engelsburg. Eine schwere Eisentür gibt den Weg frei in das renovierte Fachwerkhaus, in dessen oberen beiden Etagen sich die exklusivsten Studentenwohnungen der Stadt befinden. Lediglich sechs Studierende können hier für jeweils 200€ Warmmiete wohnen. Doch für diese 200€ wird ihnen weit mehr geboten, als der üblichen Ausstattung aus Einbauschrank, Kabelanschluss und Gemeinschaftswaschmaschine.
Im Jahr 2000 kam dem Studentenwerk Thüringen die Idee zu diesem Wohnheim. Diente der Gebäudekomplex vor 900 Jahren noch unter dem Namen „Elendsburg“ als Krankenhaus, so wurde sie spätestens mit Ulrich von Hutten und seinen Dunkelmännerbriefen Anfang des 16. Jahrhunderts zur Hochburg des Humanismus und studentischen Lebens in Erfurt. „Studenten haben hier schon immer diskutiert und gefeiert. Nichts hätte deshalb näher gelegen, als hier ein Studentenwohnheim einzurichten,“ betont Peter Schledermann vom Thüringer Studentenwerk.
Aus „Scholastik vs. Humanismus“ wurde „DJ Monkey vs. DJ Mephister“
Aus einer ehemaligen Scheune wurde das aufwendig renovierte Miniaturwohnheim und der Komplex „Engelsburg“ um einen studentischen Aspekt erweitert.Viele Hundert Jahre nach ihrer ersten urkundlichen Erwähnung ist die Engelsburg das studentische Kulturzentrum Erfurts. Nur das die diskursiven Kämpfe zwischen Scholastik und Humanismus vom „Fightclub“ „DJ Lord McMonkey vs. DJ Mephister“ abgelöst wurden. Denn kaum zehn Meter von Ronnys Schlafzimmer entfernt befindet sich auch einer der beliebtesten Studentenclubs Erfurts, der „Club Engelsburg“. „Natürlich wird es gerade im Sommer etwas laut, wenn 300 Menschen den Biergarten bevölkern“, erzählt Ronny. Dafür gäbe es aber für die sechs privilegierten Bewohner ständig kostenlosen Eintritt zu allen Veranstaltungen.
Und auch ansonsten bietet der denkmalgeschützte Wohnort Annehmlichkeiten, mit denen es ein Plattenbau im städtischen Randgebiet nur schwer aufnehmen kann: Café, Restaurant, Filmabende, Theatervorführungen, Podiumsdiskussionen und das alles im Umkreis von kaum 50 Metern. Und da ist noch ein Vorteil: „Zu sagen, man wohnt in der Engelsburg, kommt auch bei den Mädels ganz gut an“, verrät Ronny grinsend und nimmt nun nicht mehr ganz so verschlafen den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse.
Links:
Wer sich mit Hunderten anderen für die begehrten Zimmer bewerben will, findet auf der Seite des Studentenwerk Thüringen alle nötigen Informationen: www.stw-thueringen.de/menu-oben/wohnen/bewerbung-auf-wohnplatz.html
Für welche Veranstaltungen Ronny keinen Eintritt zahlt, siehst du unter: www.eburg.de/
Wer mehr zur Geschichte der Engelsburg wissen will, wird beim zugehörigen Förderverein fündig: www.humanisten.eburg.de/


















