La deutsche Vita

Ein Land voller großer Autos, dicker Brieftaschen und alter Herren in Maßanzügen trifft auf ein Volk voller dauergestresster Workaholics mit Angst vor roten Ampeln. Als der Albaner Ardit nach Deutschland kam, war er sich sicher, ein Leben zwischen strengem Gehorsam und großem Wohlstand würde ihn erwarten. Zum Glück kam es ganz anders.

von Fabian Köhler

Warten an der Ampel, Foto: Köhler/DAAD
Warten an der Ampel, Foto: Köhler/DAAD
„Düüü Düüüüü… DüDü - Düüü Düüüüü… DüDü.“ Nein, es handelt sich hier nicht um die Folgen einer eingeklemmten Taste auf der Tastatur des Autors, sondern um den Versuch des Albaners Ardit die Ursprünge seines Deutschlandbildes zu vertonen. „Alter weiser Mann, Rolex am Handgelenk, 100% Aufklärungsquote, Trenchcoat?“ fügt Ardit  als Hinweis hinzu. Es ist der deutsche Krimiklassiker Derrick, der dem 26-Jährigen nicht nur die ersten Lektionen in deutscher Sprache, sondern auch die Grundzüge deutscher Klischees näher brachte.

Deutschland als Paradies

„Irgendwo in einem kleinen Nest in den albanischen Bergen“ bekam Ardit damals mittels VHS-Video-Kassetten seiner Eltern seine ersten Unterrichtsstunden über das – wie er es nennt – „Paradies in Stacheldraht.“ Deutschland, so war er sich damals sicher, sei das neuzeitliche Land von Milch und Honig. Ein Land, in dem der Bierbauch als Maßeinheit für Wohlstand gelte und 18-Jährige zum Geburtstag BMWs geschenkt bekommen. Unter seinen Schulkameraden war der deutsche Kommissar noch vor Kosmonaut auf Platz eins auf der Liste der beliebtesten Berufe. „Auf dem Schulhof wurde nicht der Junge mit der neuesten Spielekonsole bewundert. Der Chef war jener, der einen Bruder in Deutschland hatte und vielleicht sogar selbst ein paar Worte Deutsch sprechen konnte.“

Der Preis für Wohlstand und materieller Sorglosigkeit sei, erzählt Ardit schmunzelnd, bedingungsloser Gehorsam. In Deutschland gebe es keine Polizei auf der Straße, erinnert er sich an die Erzählung eines Schulkameraden, weil die Leute freiwillig alle Gesetze befolgten. Menschen in Deutschland hätten größere Angst, dass sich im Bus jemand neben sie setze als vor Kriminalität; größeren Respekt vor roten Ampeln als vor ihren Eltern. Der deutsche Alltag bestehe ausschließlich aus Arbeit. Humor und Entspannung seien geradezu verpönt.

Die Realität sah anders aus

Plattenbauten, Foto: Köhler/DAAD
Plattenbauten, Foto: Köhler/DAAD
Einige Jahre später lebte Ardit nun selbst in diesem Land. Das real existierende Paradies befand sich nun in der Plattenbausiedlung Halle-Neustadt. Entfernte Verwandte seiner Mutter hatten Ardit und seine Familie dort aufgenommen. Zu acht lebten sie in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Das Leben war zwar materiell abgesicherter als in der Heimat, doch reich war hier niemand, fasste Ardit: zusammen: „Die Architektur erinnerte eher an die Betonungetüme der kommunistischen Zeit meiner Heimat, als an die hübschen Altstadtkulissen in Derrick.“ Doch schlimm fand er es nicht: „Es dauerte eine Zeit, bis ich auf dem deutschen Boden der Tatsache angekommen war, aber dann gefiel es mir.“

Im Café, Foto: Köhler/DAAD
Im Café, Foto: Köhler/DAAD
Denn die Deutschen waren zwar nicht so wohlhabend, wie er glaubte, konnten ihr Leben aber scheinbar tatsächlich genießen: „Ich war überrascht, den deutschen Workaholic, den jede Lebensfreude verlassen hat, nirgends finden zu können.“ Stattdessen lernte der Volkskunde-Student – wie er es nennt - „La deutsche Vita“ kennen. „In meiner Studienzeit verbrachten wir oft die Nachmittage im Café oder am Flussufer, ließen die Füße baumeln und vertrödelten unsere Zeit. Während meiner Schulzeit in Albanien war das völlig unvorstellbar.“

Derrick ist international

Über zehn Jahre lebt Ardit mittlerweile in Deutschland. Nicht nur seine Vorstellungen von den Deutschen, auch die Deutschen selbst hätten sich geändert, sagt er: „Ich finde sie sind offener geworden, setzen sich manchmal sogar im Bus neben dich. Dafür bleibe ich jetzt an roten Ampeln stehen,“ sagt er und lacht. Nur eine Sache hat sich nicht geändert: „Seit ich die DVD-Sammlung geschenkt bekommen habe, schaue ich wieder Derrick,“ verrät Ardit. Nur heute erinnert der alte Mann mit der Rolex ihn nicht an ein wohlhabendes Deutschland, sondern an seine Kindheit in den albanischen Bergen.

Extra: Die Titelmelodie von Derrick

Deutsche Würste, Foto: Ebert/DAADIm zweiten Teil schwärmt Guus aus Holland über "Die Lieber zur Wurst".

 

 

 


Autobahn, Hagenguth/DAADIm dritten Teil erzählt Anne, warum die Deutsche Sprache, eine schwere Sprache für sie war.

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