Zum Duschen in den Keller, zum Lachen überall hin

In einem Jenaer Plattenbau befindet sich das unbeliebteste Wohnheim der Region. Doch zwischen bröckelndem Putz und Gemeinschaftsduschen wurde es zu einem der lebendigsten Orte der Stadt, sodass seine Bewohner Vieles wollen, nur nicht weg.
von Fabian Köhler

Tanzen in der Küche, Bild: Fabian Köhler
Tanzen in der Küche, Bild: Fabian Köhler
Ein ukrainisches Mädchen kocht zusammen mit ihrem sudanesischen Freund arabische Hackfleichpfanne mit italienischem Tomatensalat und deutschen Eierkuchen. Neben ihnen huscht schüchtern eine Chinesin mit nassen Haaren und rosa Bademantel vorbei, während sich Russe Jurij in Adidas-Trainingshosen auf den Weg zum Fitnessraum im letzten Winkel des kalten Kellers macht.

Der 32-jährige Mirko aus Gera sitzt unterdessen eine Etage tiefer im überfüllten Fernsehraum. Er gehört zu einer Minderheit. Nicht nur weil er zwischen ca. 140 Argentiniern, Vietnamesen, Bulgaren, Koreanern, Tadschiken, Ukrainern, Chinesen, Rumänen, Georgiern und Jemeniten einer der wenigen Deutschen ist, sondern weil Mirko gerne in in einem Wohnheim lebt, dessen Erwähnung bei den meisten Studenten höchstens ein Naserümpfen provoziert.

Kaputte Fenster mit Blick auf den eigenen Pool

Fast alle Gebäude auf dem Gelände in einem Stadtteil Jenas, in den sich die meisten Studenten nur verirren, wenn sie einen der begehrten Jobs in der örtlichen Kaufland-Filiale ergattert haben, wurden mittlerweile wegen Einsturzgefahr geschlossen. Alle bis auf diesen einen Plattenbau mit seinen orange gekachelten Gemeinschaftsduschen und winddurchlässigen Fenstern über grün gesprenkelten Linoleumböden

Trotz aller Probleme - das betonen die Bewohner immer und immer wieder - sei das Leben hier ungleich lebendiger, die Abende vergnügsamer, die Menschen untereinander verbundener als in anderen Wohnheimen. Schnell ist man bei den Geschichten vom Pool, der einst im Garten errichtet wurde oder den Papageien, die plötzlich durch den Flur flogen, nachdem sie aus dem Zimmer ihres Besitzers ausgebrochen waren. "Es ist schon ziemlich schmutzig hier, aber lieber sehe ich die Putzfrau nur einmal pro Monat, dafür meine Zimmernachbarn täglich", bringt der serbische Germanistik-Student Damjan den Unterschied zu den komfortablen aber anonymen Wohnbedingungen anderer Wohnheime auf den Punkt.

Buntes Leben zwischen tristen Wänden

Das Multikulti-Wohnheim, Bild: Fabian Köhler
Das Multikulti-Wohnheim, Bild: Fabian Köhler
"Das Problem ist, es gibt einfach viel zu wenig Wohnraum für die vielen Studierenden", erklärt Christin Penz, Vorstand des Studierendenrates. "Es kommt zu wenig Geld vom Land für einen Neubau" rechtfertigt sich Frau Dr. Elke Voss, Pressesprecherin des für das Wohnheim verantwortlichen Studentenwerkes Thüringen. Doch ein Abriss des Hauses ist das Letzte, was die Bewohner wollen. "Ein paar Eimer Farbe für die Wände, eine neue Couch im Aufenthaltsraum, und ein paar bezahlte Stunden mehr für die Putzfrau. Mehr brauchen wir nicht" erklärt der rumänische Politik-Student Mjechtscha.

Es sind die Menschen, die das Leben hier besonders machen. Schnell hat man Freunde aus aller Welt, die man sonst unter über 20.000 Studenten nie gefunden hätte. Während der Sudanese Osama die Eierkuchen bringt und die Tadschikin Katja, Mirko portugiesischen Wein nachschenkt, sagt dieser zum Schluss: "Klar, man muss seine Ansprüche herunter schrauben", aber diesen "Melting-Pot" zurückzulassen, da ist er sich mit den meisten anderen Bewohnern einig, käme für ihn nie in Frage.

Tipp: Wer abenteuerlustig genug ist, sich auf ein Zimmer im Wohnheim "Naumburger Straße" zu bewerben, findet alle Information dazu auf der Website des Studentenwerks Thüringen. Natürlich gibt es dort auch Angebote für "normale" Wohnheime.

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